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Unsere Reise nach St. Petersburg

Im Sommer des Jahres 2007 ist unsere Kochgruppe -oder jedenfalls die meisten- mit dem allergeilsten Ford Econoline, Sondermodell "Bob Allan" von München nach St.Petersburg oder besser nach Helsinki und von da mit dem Zug weiter nach St. Petersburg gefahren.

Alle Bemühungen und Versprechungen halfen nix unseren inneren Schweinehund zu überwinden.

So gibt es keine 2 mio Bilder und keine ausschweifenden Reiseberichte von dieser wunderschönen Fahrt.

Nur eine kleine Hommage an den Ford Econoline Bob Allan hab ich geschrieben.

Viel Spass beim Lesen

Nitschko

„Bob“

Mit Freunden und dem Auto nach St. Petersburg. Das war mein Traum. Schon lange.

Nach 3 Anläufen sollte er diesmal Wirklichkeit werden. Da das Einführen nach Russland aber schwierig ist, kamen wir nur bis Helsinki und dann gings weiter mit dem Zug, aber wer wird denn kleinlich sein.

Wir waren zu viert bis fünft und was uns einzig fehlte war das passende Gefährt.

Einen VW-Bus hatten wir uns überlegt. Also haben wir uns, lässig online wie wir leben, eines Abends im Skype getroffen und haben losgelegt. 500 € p.P. war der Rahmen. Also 2000 €. Nicht schlimm viel, aber immerhin ein bisserl was und ein VW-Bus der wurde oft gebaut. Rational wäre wohl auch ein Diesel gewesen, weil es ja doch eine ganz schöne Fahrt wäre bis St. Petersburg oder eben Helsinki.

Nun, es gab einige. Ausgebaut als Camper. Mit Zelten auf dem Dach. In Safariversion. Mit allem Drum und Dran. Kochplatten. Mulitfunktionsinnenausstattung. TÜV. Aber sooo fad!.

Und vor lauter Langeweile haben wir dann auch bisschen bei anderen Marken rumgeschaut. Und da war er! Unser Baby. Ich wusste es im ersten Moment. Liebe auf den ersten Klick sozusagen. Kirschrotmetallic. Silberne Rennstreifen. Schweller. Hinten ein Spoiler. Tiefer. Breitreifen. Alufelgen Kirschrot mit Aluminiumrand und innen erst: rotes Velour. Überall. Sitze, Decken, Boden. Überall! Captainchairs, so Multifunktionsteile mit Rückstellehne, Armlehnen, drehbar. 5.7 Liter V8, 2 mal 120 Liter Tank ( – nicht wegen des hohen Verbrauchs, sondern für die amerikanischen Weiten ohne Tankstellen wie uns der Verkäufer glaubhaft versicherte), Klimaanlage. Automatik- und hinten ein kleiner runder Tisch, an dem man dank der drehbaren Sitze und der versenkbaren Getränkehalter auch auf polnischen Nebenstraßen noch würde gut Poker spielen können. Zudem noch Sondermodell „Bob Allan“! Wer immer das ist. Wahrscheinlich die lässigste Sau im mittleren Westen. Oh Mann eine geile Karre.

Jeder, der in unserer Altersliga (um die 30) spielt , männlich ist und noch bisschen was vom Leben in der 1. bis zur 7. Klasse weiß, wird uns verstehen. Es lief doch so: Um wichtig zu sein brauchte man erst mindestens 3 Schultüten, alle 2 m hoch, dann einen Scout-Schulranzen, dann ein dreistöckiges Federmäppchen und allerspätestens ab der 5. war Colt Seavers und in Nachfolge die anderen US-amerikanischen Helden- damals gab`s das ja noch- das Wichtigste im Schulalltag. Irgendwann fing dann der Mist mit irgendwelchen Schuhen und Jacken an. Der Anfang vom Ende.

Dieses Auto, dieser Bus, dieser Van, ach dieses Geschoss, vereint alle Träume der unschuldigen Jugend! Colt Seavers, das A-Team, Knight Rider, ein Trio mit 4 Fäusten und wie sie alle hießen. Die Träume der Jugend, in der es, zumindest am Anfang, wichtiger und bedeutender war die genaue Flugkurve eines dämlich gepimpten Jeeps und die vollkommen sinnbefreiten Dialoge eines vermeintlich coolen Stuntman nachstellen zu können, als die durchaus beachtlichen Kurven von Jody zu besprechen, die bestenfalls in Nebensätzen zur Sprache kamen. Also nicht, dass man sie nicht besprochen hätte, aber doch eher allein und daheim.

So wurde Bob unser. Für sagenhafte 1600 € kam er in die bayerische Landeshauptstadt. Wir wollten ihn nur noch kurz überholen lassen-nur Öl und so- und fuhren ihn zu einem Amispezialisten.

„Jo wos habts eich denn do odo!?!?

Ja was habt ihr euch denn da angetan!?...oder bayrisch und viel passender „Jo wos habts eich denn do odo!?!? „Der laft net rund“.“ Das waren sie dann die ersten Worte unseres Experten.
Und es wurde immer schlimmer. Es gipfelte in der Aussage:“ Des Auto is a Alptraum“- was ich ehrlich gesagt als eine Art Majestätsbeleidigung empfand.

Es war Wasser in der Bremsflüssigkeit, das Öl war fast fest, alle möglichen Flansche waren undicht, die Radmuttern waren mangels Gewinde in ¾ der Fälle eigentlich nutzlos, die Klimaanlage ging nicht, der magnetische Tankumschalter ging nicht, die Bremsbeläge mussten neu gemacht werden, die Stoßdämpfer waren hin, die Zündung stimmte nicht und das Auto fuhr nur auf 6 Zylindern statt 8...die ganze Schose kostete 1200 € ! Das Problem der 6 Zylinder war nicht gelöst. Der „Spezialist“ gab uns bis Regensburg.

Die Stimmung war bisschen am Boden. Hatten wir doch, inkl. Zulassung und Versicherung (4 Monate) für einen völlig verrosteten 21 Jahre alten, mir Verlaub gesagt, Nuttenschleifer, dessen Außenhaut in weiten Teilen aus dem netten Versuch bestand auf 20 cm2 große Rostlöcher silberne (immerhin!) Klebefolie zu kleben, der nur auf 6 Zylindern lief, als Benziner nagelt wie ein altes Fischerboot, in dessen kleinen Dachfenstern sich Schimmel sammelte und der über 8 Fenster verfügte, von denen man nur 2 öffnen konnte und dessen Klimaanlage kaputt war, wie auch die Zentralverriegelung, dessen Innenverkleidungen sich zusehends verabschiedeten und der sage und schreibe 20 l/Super auf 100 km bei 90 km/h Autobahn fraß, 3600 € ausgegeben.

Na ja, wir haben ihn halt geholt und bezahlt, blieb ja nix und nach einer kleinen Einführung in amerikanische Wagen..(„Was ist das da unten im Fußraum?“ „Das Fernlicht.“ „Und das hier oben?“ „ Das ist der Schalthebel! Ich gehe jetzt!“) hatte ich die ersten Kilometer mit unserem Bob im Straßenverkehr vor uns. Das erste Mal saß ich im Captains-chair. Also Captains-chair heißen die ja alle, aber ich mein hinter dem Steuer, also dem Lenkrad, also eigentlich im captains-captain-chair.

Langsam tastete ich mich aus dem gar nicht so engen Hof und fuhr...na wohin?...natürlich zur Tankstelle. Ich zahle, setz mich rein, mach den Motor an. Ein gewisses imposantes Brummen lässt sich auch bei 6 Zylindern durchaus wahrnehmen. Fahre los. Aus der Tankstelle raus... Die erste Ampel.

An der Bushaltestelle gegenüber stehen paar 10 jährige. Interessiert schauen Sie unseren Bus an. Fast ein klein wenig andächtig. Die Fenster sind offen. Es ist warm. Es läuft Guns n´ Roses. Der Motor blubbert mächtig. Irgendwie. Ich mach die Armstütze auf der Fensterseite runter und lass die Hand da liegen.

Die Ampel springt auf grün. Ich geb` bisschen Gas, der Motor schiebt mächtig an...also mächtiger als ich gedacht hab. Ich hatte ja nie so ein Auto. Die Sonnenbrille rutscht über die Augen, der Sitz ein klein wenig nach hinten. Das 40 cm Spiel in der Lenkung ist mir zusehends wurscht...Ich cruise...

Die nächste Ampel kommt.

Langsam, lässig und bestimmt schiebt sich der Econoline mit dem Namen Bob neben einen Golf Cabrio an der Ampel. Fast wie von selbst. Das kann er. Das hat er schon paar Mal gemacht. Ruhig läuft der Motor. 6 Zylinder nur? Ich kann es nicht glauben. Ich schalte auf N - wegen dem Sprit. Immer noch leicht nervös, ist schon ganz schön groß, schau ich in die Spiegel und schließlich nach links. 2 Mädels schauen aus einem Golf Cabrio zu mir hoch. Die eine dunkel und sicherlich mit das Beste, was die Mittelmeerregion in den letzten 2500 Jahren zustande gebracht. Die andere Meer und Weizen. Und beide durchaus das, was man in München ein „Hammergschoss“ bezeichnet. Und was machen sie?

Man vergegenwärtige sich nochmals: Ich sitze in einer Schäsn, deren CO2 Wert dem Ostafrikas entspricht, höre krächzende „Guns n´Roses“ und habe meinen Ellenbogen aus dem Fenster hängen wie ein polnischer Fernfahrer. Da das Auto ziemlich breit ist, schaffe ich das nur, wenn ich leicht schief sitze. Das Auto wackelt, weil es nur auf 6 Zylindern läuft, es stinkt deshalb auch bisschen, nagelt vor sich hin und trotz allem: Sie findens gut! Und wie! Sie lachen. Wir reden. Diese Mädels können alles was man sich nur wünscht und irgendwann versetzt das Grünwerden der Ampel diesem Hauch des Möglichen den Todesstoß. Sie biegen ab. Und ich?

Ich probier den overdrive.

Schon erstaunlich was für einen Bumms so ein Bus hat. Jedenfalls von unten raus. Und da er so groß, alt und fertig ist, man könnte auch sagen eine mördermäßige Grandezza ausstrahlt, traut sich keiner zu widersprechen. Nicht mal der nervigste kleine, alte 5er BMW-Fahrer wagt es auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden zu hupen, wenn ich so befreit die Fahrspur wechsle als wäre ich allein auf diesem Highway.

Am nächsten Tag sollte die große Reise beginnen. Ich war schon angekommen.

Die Reise selbst verlief problemlos. Ziemlich. Es wäre auch zuviel hier davon zu erzählen.
Nur soviel. Wir haben Bob über alles geliebt und sind ihm sehr dankbar, dass er uns bis Helsinki ohne wirkliche Probleme gebracht hat. Denn Bob bekam zusehends mehr Macken. Das größte Problem war das Getriebe, das sich zusehends verabschiedete. Das begann bereits in Polen. Zum Schluss kuppelte Bob beim Bergauffahren aus, bei Rechtskurven in der Stadt, bei Linkskurven au der Landstraße, beim Stehen, er kuppelte nicht ein oder jedenfalls sehr widerwillig und spät, beim Anfahren nach Ampeln. Eine lang gezogene ansteigende Rechtskurve hätte uns zu weiten Umwegen gezwungen. Kam aber keine. Das wusste er.

Der morgendliche und abendliche Stadtverkehr, auf der immer gleichen Suche nach dem City Center und einem „youth hostel“ war leicht nervenaufreibend, weil er irgendwann fast gar nicht mehr anfuhr, bzw. völlig unvorhersehbar wie bescheuert anriss. Man musste nämlich immer wenn er ausgekuppelt hatte auf P schalten, dann wieder auf D. Dann passierte nichts. Nach ca. 40 Sekunden war´s Bob dann zu blöd, er kuppelte ein und fuhr los. Leider hatten die anderen Verkehrsteilnehmer wenig Verständnis und man selber auch nicht 30mal in Folge Lust drauf zu warten bis der werte Herr mal losfährt und so musste man, um das Einkuppeln zu beschleunigen bisschen Gas geben. Bisschen sehr. Was dazu führte dass Bob mit einer derartigen Brachialgewalt lospolterte, dass man ziemlich aufpassen musste dem Vordermann nicht draufzufahren. Auch beim Ausparken musste man Geschick beweisen, da man hier einen Fuß auf der Bremse haben musste um Bobs Energie zu zügeln. Aber weil wir alle so Wahnsinnsfahrer sind und ein oft Wahnsinnsglück hatten ist nie was passiert.

Wir verschenkten Bob in Helsinki. Am Mittsommertag. An einen Autohändler. Eigentlich an den einzigen Autohändler, der da war. Alle anderen waren an irgendeinem See. So ist das in Finnland an Mittsommer. Und noch eigentlicher verschenkten wir ihn an seine kleine Tochter.

Er war ein junger netter Typ, der Bob zwar mit einer grundtiefen Sympathie betrachtete, aber immer nur sagte: „What should i do with this car. It´s too old. It´s too big. I can´t sell it! Sorry.!“ Dann kam seine Frau, eine finnische Schönheit, blond und blauäugig, mit ihrer nicht minder süßen vielleicht 5 Jahre alten Tochter. Ihren Liebsten von der Arbeit zu holen und um an einen See zu fahren. War schließlich Mittsommer. In Finnland.

Na, und wie sie ihn so umflirtet, dass er endlich diese Bürste weglege mit der er irgendwelche Alufelgen polierte und sie aufbrechen und wir so beraten, ob wir an einen See fahren – ist schließlich Mittsommer- und Bob versenken oder ihn einen Unfall fingierend einfach anzünden, klettert die Kleine in Bob, springt auf den Sitzen rum, setzt sich auf den Captains-chair und ist derart begeistert und wirft ihrem Papa einen derart schmachtenden Blick zu, dass jedem Mann, der ihn gesehen hat, schon jetzt alle Jungs leid tun, denen sie dereinst das Herz brechen wird. Und ihrem Papa, ja, dem blieb gar nichts weiter übrig als Bob zu adoptieren.
Die alte Sau!

Unsere Zeit mit ihm war vorbei. Der Zug nach St. Petersburg wartete auf uns. Wir werden ihn sicher nicht vergessen.

Nitschko


   
 
 
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